Christof Belmann über Markus Meurer

In seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung „Treibhaus Voll Kunst“ in Recklinghausen setzte sich der Kunsthistoriker Christof Belmann intensiv mit den Werken von Markus Meurer auseinander und machte auf wichtige Aspekte aufmerksam.

Daraus zwei Zitate:

„Markus Meurer gibt die radikalste Antwort auf die Frage, wann etwas zu Müll wird, nämlich: gar nicht. Es gibt keinen Müll, es gibt nur Materie, sagt Meurer. Und unter dieser Prämisse ist Müll vielleicht wirklich nicht nur das günstigste und reichhaltigste, sondern auch das vielfältigste Material, über das wir verfügen. Im Müll finden sich nämlich unter anderem Dinge, die es sonst nirgends mehr gibt. Actionfiguren etwa, die nicht nur materiell ausgespielt haben, sondern die auch ideell längst abgehalftert wurden. ‚Big Jim‘ hat ausgedient und mit ihm vieles, was die Industrie- und Konsumgesellschaft einst für notwendig und unabdingbar hielt. Meurers Wesen und Gefährte erwecken viele vergessene Geister zum Leben, sie sind Phönixe aus den Aschen.“

Markus Meurer, Naturforscher, Assemblage, 2009, 36x28x13 cm. Foto: P. Nieting

„Müll ist bei  Meurer Müll, so wie er anfällt. Er klebt, er ist schmutzig und er stinkt, dieser Müll. Er wird nicht gesäubert, nicht sterilisiert, nicht bearbeitet und schon gar nicht getrennt. Bei Meurer versteckt sich das Müllhafte eben nicht hinter dem Recyclinggedanken. Der Meurer-Müll ist Original-Müll, so der Welt entnommen, wie er im Augenblick seiner Müllwerdung anfiel; wie er anfiel in dem Augenblick, als wir uns entschieden haben, das Material aufgrund seines Funktionsverlustes bewusst oder unbewusst zu Müll umzudeklarieren. Es ist der wohl ehrlichste Müll, den ich bisher als Kunst zu Gesicht bekommen habe. Es sind eben nicht die Joghurtbecher und Papierrollen, die die kleine Lisa und der kleine Jonas zu lustigen Fantasiefiguren zusammenkleben und bemalen. Es ist nicht allein die Umdeutung von Formen und Dingen, von Glühbirnen zu Augen, von Gabeln zu Füßen, nicht allein die assoziative Herausforderung, die spielerische Karambolage von Objekten ganz unterschiedlicher Herkunft und Semantik. Es sind die abgenagten Knochen, die albtraumhaft, fast gewaltsam zu neuem Leben erweckt werden und sich mit Souvenierschnickschnack und Schokoriegelverpackungen zu müllomorphen Wesen verdichten. Kunstvoll tanzen sie uns die müllhafte Seite unserer Existenz vor. Vorausgesetzt, wir kontrollieren unseren Ekel und unsere Abscheu. Wer diese Ekelschwelle negiert, wer sie verneint, wer den Widerspruch von putzigen und niedlichen Wesen und ekeligen Speiseresten leugnet, nimmt dieser Kunst etwas sehr Wesentliches.“

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