Rezension im „Tagesspiegel“

Am Samstag (17,5,2014) brachte die rennomierte Berliner Tageszeitung „Der Tagesspiegel“ eine ausführliche und sehr einfühlsam geschriebene Ausstellungsbesprechung von Christiane Meixner, die ich den Lesern nicht vorenthalten möchte:

Shreklich
von Christiane Meixner

In Berlin gibt es eine Galerie für Outsider-Kunst. Dort stellt Markus Meurer aktuell seine fantastischen Objekte aus Abfall aus.

„Kann das weg?“ Mit dieser Frage weiß Markus Meurer nichts anzufangen. Weg, das heißt für gewöhnlich: in den Müll. Wer aber Draht und Scherben, leer getrunkene PET-Flaschen oder Papierfetzen als inspirierende Materie begreift, die bloß am falschen Ort liegt, dem bleibt nur eines, um seine Welt in Ordnung zu bringen: Er muss sie nach eigenen Vorstellungen sortieren.
In den Räumen von Art Cru, Berlins Galerie für Outsider-Kunst, entfaltet sich Meurers Universum aktuell faszinierend (Oranienburger Straße 27, bis 28. Mai). Vom übergroßen Insekt bis zur Ritterrüstung, die sich bei näherem Hinsehen als Material-Collage entpuppt, ist alles dabei.

„Shrek“ nennt der 1959 Geborene seine erste Berliner Soloschau, nachdem er diverse internationale Ausstellungen absolviert hat. Sie gibt eine vage Idee davon, wie Meurer im niederrheinischen Kevelar lebt – wo sich die Objekte über die Innenwände seiner Wohnung spannen. Aber auch so beeindruckt die Konsequenz, mit der der Outsider-Künstler zivilisatorische Reste uminterpretiert. Vermeintlicher Abfall wird zu Flügeln, Körpern, Augen, Mündern. Alles wandert in seine aus Draht gefertigten Stützkorsetts und dort exakt an den Platz, der ihm vorbestimmt scheint. Dass „die Leute das extra hinlegen für mich“, hat Meurer schon mehrfach auf seinen Expeditionen durch die Straßen gedacht, während er sie nach allem durchforstet, von dem sich andere achtlos trennen. „Ich finde alles. Ich bin dafür konstruiert.“ Und wie ein Konstrukteur setzt er seine Einfälle um. Baut eine „Nanoprozessor-Maschine“, kreiert den „Peperonikäfer“ und „Die Flotte Biene“.

Reitendes Ungeheuer. "Hexenmeister" heißt Meurers Skulptur von 2011.

Reitendes Ungeheuer. „Hexenmeister“ heißt Meurers Skulptur von 2011.

Man kann das als naiv empfinden, genau wie den Titel der Ausstellung, der die rülpsende, stinkende Hauptfigur aus dem gleichnamigem Animationsfilm zitiert. Für Meurer, der schon als Kind den ebenfalls als Outsider-Künstler tätigen Vater durch die Eifel begleitete, laden sich seine Skulpturen jedoch unwillkürlich auf. Es sind Fetische in unterschiedlichen Formaten (Preise: 90–1850 Euro), die Erinnerungen bewahren oder als Heilsbringer fungieren. Meurers Kindheit, bäuerlich und urkatholisch geprägt, ist immer Referenzpunkt. Zugleich verwebt er biografische Geschichten, die sich nur in Andeutungen zu erkennen geben. Man kann sich allerdings gut vorstellen, wie es war, als die Gemeinde des heimatlichen Eifel-Dorfes ihn nach dem Tod der Eltern 2003 erst langsam aus der Gemeinde ekelte. Und nach dem hastigen Umzug des Künstlers das abgelegene Haus der Familie zerstören ließ, weil sie es für unbewohnbar hielt. Tatsächlich war es voller Kunst. Es treibt ihn, so lässt sich vermuten, jene „Plange Angst“ , die Markus Meurer 2010 schon in einem Buch formulierte, zu seinem ganz persönlichen Antidot – den fantastischen Beschützern.

(Antidot = Gegengift)

 

 

 

Eine Antwort zu “Rezension im „Tagesspiegel“

  1. Gutes Medienecho: ein schöner Artikel!

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